Dieses Thema ist heiß doch es gilt immer noch die Unschuldsvermutung!
Dennoch erscheinen die Indizien erdrückend, wie die ZEIT publiziert: https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-04/belaestigung-vorwurf-wolfgang-fellner-medien-raphaela-scharf-oesterreich

Österreichs Medienmanager Wolfgang Fellner wehrt sich mit allen Mitteln gegen Belästigungsvorwürfe einer Ex-Kollegin.
Recherchen offenbaren ein toxisches Arbeitsumfeld.

Wolfgang Fellner© SKATA/​imago images Wolfgang Fellner

 

Sex, Skandale und Emotionen: Der Boulevard liefert den Stoff für ein Massenpublikum. Und in keinem europäischen Land ist er so mächtig wie in Österreich.
Politiker fürchten ihn, Stars und solche, die es gerne wären, stellen sich bereitwillig in seine Dienste, und Politikwissenschaftler haben für das Land den Begriff „Boulevarddemokratie“ erfunden. Doch manchmal werden die Vorgänge in den Redaktionen selbst zur Nachricht. So wie kürzlich bei der
Bild-Zeitung, als sich deren Chefredakteur Julian Reichelt mit Vorwürfen wegen seines ruppigen Führungsstils und seinem Umgang mit Frauen auseinandersetzen musste. Oder beim US-Sender Fox News, wo der legendäre Chefredakteur Roger Ailes 2016 nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung gehen musste.

In Österreich kämpft derzeit Wolfgang Fellner, einer der lautesten und mächtigsten Medienmacher des Landes, darum, dass solche Vorwürfe gegen ihn gar nicht erst bekannt werden. Am Wiener Arbeits- und Sozialgericht führt der 66-Jährige einen Prozess gegen seine ehemalige Mitarbeiterin, die Fernsehmoderatorin Raphaela Scharf. Im Mai 2019 warf ihm die 30-Jährige sexuelle Belästigung vor. Sie arbeitete damals für oe24.TV, den Sender der Familie Fellner. Zwei Tage später wurde sie fristlos entlassen.

Wolfgang Fellner will nun gerichtlich erwirken, dass Scharf den Vorwurf gegen ihn zurücknimmt und klagt auf Unterlassung. In einem zweiten Verfahren wiederum wehrt sich Scharf gegen ihren Rauswurf. Ende Mai 2019 reichte die TV-Moderatorin eine Klage gegen ihren früheren Arbeitgeber ein. Sie ficht die Entlassung an, weil sie sich aus ihrer Sicht nichts hat zuschulden kommen lassen: Sie habe sexuelle Belästigung aufgezeigt und habe allein deswegen gehen müssen. Die Gegenseite argumentiert: Scharf habe unwahre Vorwürfe an den Betriebsrat gemeldet sowie im Unternehmen verbreitet und damit einen Vorgesetzten unberechtigt der sexuellen Belästigung beschuldigt. Das sei ein Entlassungsgrund.

Die nächste Verhandlung in dieser Sache findet am Mittwoch vor dem Wiener Arbeits- und Sozialgericht statt. Es werden volle Zuhörerbänke und zahlreiche Medienvertreter erwartet. Die Richterin will an diesem Tag sowohl Raphaela Scharf als auch Wolfgang Fellner vernehmen.

Der Name Wolfgang Fellner ist eng mit dem Boulevard verbunden. Schon im Alter von zwölf Jahren startete er mit seinem Bruder in Salzburg eine Schülerzeitung. Später gründeten sie ein Musikmagazin, Illustrierte und den Newsverlag, eines der größten Medienhäuser Österreichs.

Im Jahr 2006 schließlich stieg Fellner ins tagesaktuelle Geschäft ein. Er gründete die Tageszeitung Österreich, ist Herausgeber und Geschäftsführer des Boulevardblattes sowie Geschäftsführer der dazugehörigen Website oe24.at. Zehn Jahre später startete er den TV-Kanal oe24.TV, wo Wolfgang Fellner selbst als Anchorman der Talksendung Fellner! LIVE auftritt und in seinem nonchalanten bis untergriffigen Interviewstil regelmäßig Studiogäste vor den Kopf stößt.

Die Medien der Familie Fellner erhalten jährlich Millionen Euro an Presseförderung und zusätzlich, wie die meisten anderen Medien in Österreich, großzügige Inseratenschaltungen aus der Politik. Allein im Jahr 2020 warb die öffentliche Hand mit mehr als 15 Millionen Euro Steuergeld in der Mediengruppe Österreich.

Raphaela Scharf, heute Moderatorin beim Konkurrenzsender Krone.TV, arbeitete ab Dezember 2018 zuerst als Reporterin und später als Moderatorin bei oe24.TV. Oft saß sie auch gemeinsam mit Wolfgang Fellner im Studio. Es sei ihr Traumjob gewesen, sagte sie in der Verhandlung am 20. Jänner 2020 im Entlassungsverfahren. Hätte es nur nicht die Probleme mit Wolfgang Fellner gegeben.

Immer wieder, behauptete Scharf vor Gericht, habe Fellner während der Arbeit ihr Aussehen abgewertet und sexualisiert. Bei gemeinsamen Arbeitsessen habe er sie bedrängt – mit körperlichen Annäherungen, mit intimen Fragen über ihr Privatleben und anzüglichen Kommentaren. Er mache sie „zum Star“, soll Fellner der TV-Moderatorin immer wieder versichert haben. „Für mich war es schwer abzuwägen“, sagte Scharf vor Gericht, „welche Gegenleistungen ich für den Job erbringen müsste.“

Im April 2019 nahm Scharf Kontakt mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft auf. Die staatliche Einrichtung berät bei Fällen von Diskriminierung und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und unterstützt Betroffene rechtlich. Der ZEIT liegen die Aktenvermerke und Protokolle der Gespräche vor. Daraus geht hervor, dass Scharf Vorfälle geschildert hatte, die sie später auch vor Gericht in ähnlicher Form aussagte. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft protokollierte, dass Scharf Sorge habe, sofort gekündigt zu werden, wenn sie die Vorwürfe melde oder rechtliche Schritte einleite. Die Moderatorin könne sich auch nicht vorstellen, dass sie eine Vorgesetzte im Unternehmen unterstütze.

Damals führte Scharf bereits ein Gedächtnisprotokoll über ihren Arbeitsalltag. Es liegt der ZEIT vor. Der erste Eintrag ist mit 12. Februar 2019 datiert, kurz nachdem Scharf von der Reporterin zur Moderatorin aufgestiegen war. „Wolfgang Fellner holt mich aus dem Studio raus während der Live-Moderation: ‚Zu viel Make-up, siehst aus wie ein Bauer. Zu viel Rouge. Haare sind schlecht.'“

Am 28. Februar 2019 hielt Scharf fest: „Beim Opernball: Wolfgang Fellner stellt mich seiner Begleitung (…) vor mit ‚Das ist mein neuer Star‘ und legt seinen Arm um meine Hüfte.“ Immer wieder soll Fellner ihren Busen und Hintern kommentiert haben. Sie hätte „einen super Popsch“, sie seien „das perfekte Paar“, soll Fellner zu Scharf gesagt haben. Einmal, nach einem Abendessen am 2. April 2019, soll Fellner angeblich versucht haben, sie zu küssen.

Wolfgang Fellner tritt im Verfahren als Zeuge auf

Der Vorfall, der schlussendlich zur gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen Fellner und Scharf geführt hat, soll sich am 14. Mai 2019 zugetragen haben. Für eine Sendung zur EU-Wahl, die Scharf gemeinsam mit Fellner moderieren sollte, wurde kurzfristig ein Fotoshooting anberaumt. Dabei soll Fellner Scharf – laut ihrer Darstellung – an den Po gegrapscht haben. Alle bisher geladenen Zeugen sagten aus, den Vorfall nicht gesehen zu haben.

Wolfgang Fellner bekleidet beim Sender oe24.TV formal keine Führungsposition, Geschäftsführer ist sein Sohn Nikolaus Fellner. Deshalb tritt er im Entlassungsverfahren als Zeuge auf. Dass er intern als Chef agiert, ist aber unbestritten. Er ist Geschäftsführer der Mediengruppe Österreich, die über Gesellschaften etwa die Hälfte am TV-Sender hält. Er war es auch, der den Dienstvertrag (der wiederum mit einer anderen Gesellschaft aus der Mediengruppe geschlossen wurde) von Raphaela Scharf unterzeichnete.

Wolfgang Fellner bestritt vor Gericht bisher jegliche Anschuldigungen. Diese seien „frei erfunden“, die zitierten Aussagen nie gefallen. Die Anbahnungen seien von Raphaela Scharf ausgegangen. Dass es beim Fotoshooting zu einem Körperkontakt gekommen sei, könne er ausschließen. Er sieht in den Vorwürfen eine „Intrige“, weil er eine Gehaltserhöhung von Scharf abgelehnt habe.

In seiner Vernehmung im Unterlassungsfahren Ende Februar verwickelte sich Fellner in Widersprüche. Es ging um das Abendessen zwischen ihm und Scharf am 2. April 2019 in einem Lokal im ersten Wiener Bezirk. Scharf behauptete, dass Fellner sie an diesem Abend durchgehend bedrängt habe. Später, bei der Heimfahrt im Auto, soll dann der Kussversuch passiert sein. „Frei erfunden“, sagte Fellner vor Gericht. „Dies kann ich deshalb auch belegen, da an diesem Tag das Champions-League-Spiel von Bayern München stattfand, dass ich mir gemeinsam mit meinem Sohn anschauen wollte.“ Er habe Scharf gar nicht mit dem Auto nach Hause gefahren, er habe es eilig gehabt, um rechtzeitig das Spiel zu sehen. Beim Abendessen selbst habe er das neue Sendungskonzept mit Scharf besprochen. Nur: An diesem Tag fand gar kein Champions-League-Spiel statt. Als ihn Scharfs Anwalt auf diese Tatsache hinwies, sagte Fellner: „Dazu kann ich jetzt nichts sagen.“

In der Verhandlung am 4. November 2019 im Unterlassungsverfahren hielt Wolfgang Fellner fest, „dass wir im Unternehmen eine sehr strenge Policy betreffend sexuelle Belästigung haben, bei uns stellt dies automatisch einen Entlassungsgrund dar“. In diesem Punkt würden sie „null Toleranz“ kennen.

„Immer wieder Beschwerden wegen sexueller Übergriffe“

Ein Betriebsrat des Senders sagte vor Gericht aus, dass Raphaela Scharf nicht die erste Mitarbeiterin sei, die solche Vorwürfe gegen Wolfgang Fellner erhebe: „Richtig ist, dass es immer wieder Beschwerden wegen sexueller Übergriffe des Klägers gegeben hat.“

Dazu kommt: Mindestens eine weitere Ex-Mitarbeiterin wirft Wolfgang Fellner sexuelle Belästigung vor. Die Frau, die in den Jahren 2014 und 2015 für die Mediengruppe der Tageszeitung Österreich arbeitete, hielt das in einer eidesstattlichen Erklärung fest, die der ZEIT vorliegt.

Wolfgang Fellner hat mit Scharf eine Verschwiegenheitsverpflichtung gegenüber Medien bis zum Abschluss des Verfahrens vereinbart. Alle hier zitierten Aussagen von Raphaela Scharf beziehen sich auf Gerichtsakten, Gesprächsprotokolle und andere Dokumente, die der ZEIT vorliegen. Die ZEIT hat zusätzlich mit mehr als einem Dutzend Männern und Frauen gesprochen, die in den vergangenen Jahren für oe24.TV oder die Tageszeitung Österreich gearbeitet haben. Sie alle taten das nur unter der Voraussetzung, anonym zu bleiben.

Die gerichtliche Auseinandersetzung zwischen Fellner und seiner ehemaligen Mitarbeiterin läuft bereits seit Mitte 2019. Wegen Corona verzögerten sich die beiden Verfahren. In den Verhandlungen, die bisher stattgefunden haben, sagten zahlreiche Zeugen aus; die Stimmung im Gerichtssaal war oft aufgeheizt, die Aussagen teils widersprüchlich: Jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die noch im Unternehmen tätig sind, beschrieben das Arbeitsklima beim Fernsehsender als weitgehend professionell. Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichteten von alltäglichem Sexismus, von weiteren Belästigungsvorwürfen, von scherzhaft gemeinten „Poklapsern“ Fellners, von Drohungen und Druckausübungen durch den Chef. Dass Fellner „sehr laut“ und „emotional“ werden könne, bestritt keiner vor Gericht.

Der Betriebsrat Ferry Ptacek, selbst jahrelang Moderator bei oe24.TV, zeichnete im Gerichtssaal ein Bild von einem Fernsehsender, bei dem das Arbeitsklima für Frauen offenbar erdrückend war. Er berichtete, dass Raphaela Scharf nicht die erste Kollegin gewesen sei, die solche Vorwürfe gegen Wolfgang Fellner erhoben habe. Schon davor habe es Beschwerden an den Betriebsrat gegeben, dass Fellner angeblich „Mitarbeiterinnen auf den Hintern klopfte“. An eine Beschwerde einer Ex-Kollegin konnte sich Ptacek vor Gericht noch konkret erinnern, die sei „ziemlich unmittelbar nach Senderstart 2017“ an den Betriebsrat herangetragen worden. „Auch in den Folgejahren gab es dies immer wieder“. sagte er. Die Vorwürfe der anderen Mitarbeiterinnen seien sehr ähnlich zu jenen von Raphaela Scharf gewesen. Der Betriebsrat habe zu den Beschwerden Aktennotizen angelegt. Viele Meldungen seien aber gar nicht an den Betriebsratsvorsitzenden weitergeleitet worden, sagte Ptacek. Die meisten Frauen hätten den Sender rasch wieder verlassen.

Auch an den Tag des Fotoshootings konnte sich Ptacek vor Gericht noch erinnern. Raphaela Scharf, berichtete er, sei nach dem Shooting „fertig und in Tränen aufgelöst“ zu ihm gekommen und habe „von Berührungen des Klägers im Hüftbereich“ berichtet. Die Moderatorin habe auch „am ganzen Körper gezittert“. Ptacek verwies Scharf dann an eine ihrer Vorgesetzten.

Wolfgang Fellners Anwalt hat eine andere Sicht der Dinge. Gegenüber der ZEIT weist er darauf hin, dass „die im Sekundentakt aufgenommenen Fotos“ den Beweis dafür geliefert hätten, „dass sich, entgegen der Behauptung von Frau Scharf, ihre Haltung in keiner Weise verändert hat und sie auch ihren Gesichtsausdruck nicht, wie sie behauptet hat, verändert hat“.

Die ZEIT hat Wolfgang Fellner in einem umfassenden Fragenkatalog mit allen Vorwürfen konfrontiert. Sein Anwalt antwortete mit einem eher allgemeinen Statement. Darin hält er fest: „Sämtliche Vorwürfe, die Frau Scharf behauptet, sind jedenfalls unwahr.“

Nach dem Fotoshooting folgte Scharf dem Rat des Betriebsrats und wandte sich an ihre Vorgesetzte, die seit vielen Jahren für Fellner arbeitet. Auch sie sagte vor Gericht aus. Doch anders als Ptacek, der sich davon überzeugt zeigte, dass Scharfs Vorwürfe „Gehalt haben“, glaube sie bis heute, dass Scharf „einer falschen Wahrnehmung aufgesessen“ sei, sagte sie in einer Verhandlung Ende Februar. Dass sich Wolfgang Fellner so verhalte, sei für sie „eigentlich unvorstellbar“.

Eine weitere Frau im Zeugenstand

Die Vorgesetzte habe dann noch am selben Tag den Betriebsratsvorsitzenden und Fellner über den Vorwurf informiert. „Wenn ich ehrlich bin, war mein Gedanke damals: ‚Nicht noch ein Zirkus'“, sagte sie vor Gericht. Die EU-Wahl stand damals kurz bevor, sie habe in dieser Woche so viel um die Ohren gehabt und Scharf als „wirklich unnötiges Problem“ empfunden. Mit dem Betriebsratsvorsitzenden habe sie dann in den Tagen nach dem Fotoshooting versucht, zwischen Fellner und Scharf zu vermitteln. Scharf sei aber bei den Behauptungen geblieben. Und auch Fellner sei nicht auf ihre Vermittlungsversuche eingegangen.

Im Gerichtssaal wurde nicht nur darüber debattiert, was an diesem 14. Mai 2019 und den Stunden und Tagen nach dem Fotoshooting genau passiert ist. Auch über die Frage, wo sexuelle Belästigung beginnt und was Frauen aushalten müssen, wenn sie in dieser Branche arbeiten wollen, wurde immer wieder verhandelt.

Am Prozesstag Ende Februar trat eine weitere Frau in den Zeugenstand, sie arbeitete ab Sommer 2018 knapp ein Jahr lang als Moderatorin für oe24.TV. Wolfgang Fellner, sagte sie, habe auch ihr „auf dem Po geklapst“. Für sie aber sei das „spaßhalber“ und „ohne sexuelles Motiv“ passiert. Offenbar hat sie der Vorfall auch nicht sonderlich überrascht: Sie würde in der Branche nicht mehr arbeiten können, wenn sie „jeden Klaps auf dem Popo bewerten würde“, sagte die TV-Moderatorin. Würde sie jede anzügliche Bemerkung ernst nehmen, könnte sie sich „pausenlos in den Schlaf weinen“. „Ehrlich gesagt habe ich den Poklaps des Klägers gedanklich mit ‚Alter Depp‘ quittiert.“

Sicher ist, dass Raphaela Scharf zwei Tage nach dem Fotoshooting, sie moderierte gerade die Morgensendung, zu einem Gespräch mit Wolfgang Fellner gerufen wurden. Mit dabei waren auch der Betriebsratsvorsitzende und jene Vorgesetzte, an die Scharf den Vorfall gemeldet hatte. In diesem Gespräch ging es um den Vorwurf von Scharf, dass Wolfgang Fellner sie sexuell belästigt habe. Nach Informationen der ZEIT sollen sich dabei folgende Dialoge entspannt haben:

Fellner: „Schau dir an, wie du daherkommst, wie die größte Nutte. (…)“

Scharf: „Du sagst, ich bin eine Nutte?“

Fellner: „Ich sage, du schaust aus wie eine Nutte.“

Scharf: „Das sind die Kleider, die die neue Stylistin zur Verfügung stellt.“

Später soll Fellner Scharf vorgeworfen haben, dass sie eine Intrige gesponnen habe, weil er eine Gehaltserhöhung von ihr abgelehnt habe.

Fellner: „Du hast es bereits im ganzen Haus verbreitet. Dem Tontechniker, allen Leuten hast du es bereits erzählt, was für dich lebensgefährlich ist (…).“

Scharf: „Lebensgefährlich ist es?“

Fellner: „Für dich ist es lebensgefährlich, ja. Das sage ich dir gleich. Weil wenn du jetzt eine falsche Behauptung auch noch weiterverbreitest, dürftest du dir überhaupt nicht im Klaren sein, was du da anrichtest. Zuerst wegen Erpressung.“

Später soll Fellner der TV-Moderatorin ein Ultimatum gestellt haben.

Fellner: „Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du ziehst das sofort zurück und entschuldigst dich sofort bei mir. Oder aber ich werde dich heute Nachmittag bei der Staatsanwaltschaft anzeigen und vermutlich auch heute noch fristlos entlassen, wenn das arbeitsrechtlich möglich ist.“

Auf Aufforderung des Betriebsratsvorsitzenden sollte Scharf später nochmals den Vorfall beim Fotoshooting schildern.

Scharf: „Gut, Wolfgang, wie war das beim Fotoshooting? Ja, wie war das? Du hast mich eindeutig angegriffen und ich werde jetzt nichts unterschreiben.“

So bestätigten es Zeugen der Unterhaltung der ZEIT. Fellner ließ eine Anfrage zu diesem Gespräch unbeantwortet.

Scharf schickte noch am Abend desselben Tages eine Krankmeldung an ihre Vorgesetzte.

Am nächsten Tag bekam sie per Post die fristlose Entlassung zugeschickt, datiert mit dem Vortrag. Außerdem wurde ihr „für sämtliche Räumlichkeiten der Mediengruppe Österreich“ ein Hausverbot erteilt. Sechs Tage später begab sich Scharf in psychotherapeutische Betreuung. Die Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung, Erschöpfungszustände, Durchschlafstörungen.

„Es ist mir angedroht worden, dass ich meinen Job verliere, wenn ich nicht unterschreibe“

Die Nachwehen von Scharfs Entlassung bekamen offenbar auch andere Mitarbeiter zu spüren. In der Verhandlung im November 2019 sagte der Fotograf, der das Shooting mit Scharf und Fellner gemacht hatte, er sei danach von Wolfgang Fellner unter Druck gesetzt worden. Er habe schriftlich bestätigten sollen, dass Fellner der Moderatorin nicht an den Po gegriffen habe. Fellner habe ihm Vorlagen geschickt, auf denen das Wort „eidesstattliche“ stand. Unterschrieben habe der Fotograf nicht. Auch wenn er nichts gesehen habe, sagte er, könne er nicht bestätigten, dass es nicht passiert sei. Fellner sei nicht erfreut darüber gewesen.

„Es ist mir angedroht worden, dass ich meinen Job verliere, wenn ich nicht unterschreibe“, sagte der Fotograf. Ständig habe Fellner bei ihm angerufen, bis er irgendwann selbst die Auflösung seines Dienstverhältnisses vorgeschlagen habe. Der Druck sei zu groß geworden. „Ich habe schließlich auch per Mail gekündigt.“ Die Kündigung sei von Fellner aber nicht angenommen worden.

Wer außerhalb des Gerichtssaals nach dem Arbeitsklima bei oe24.TV fragt, bekommt oft keine Antworten, öffentlich reden wollen nur wenige. „Bei meinem Bewerbungsgespräch erklärte mir Fellner, dass er mich zu einem Star machen wird“, sagt eine ehemalige oe24.tv-Moderatorin gegenüber der ZEIT. „Aber auf diese Masche bin ich nicht hineingefallen.“ Sie habe erst vor Kurzem bei oe24.tv gekündigt. Das Umfeld dort beschreibt sie als „toxisch“. Gerade als Moderatorin habe man dort schlechte Entwicklungschancen, sagt sie. „Wenn eine neue Junge kommt, bist du weg vom Fenster.“

Eine weitere Ex-Mitarbeiterin erzählt, sie habe sich unwohl bei dem Gedanken gefühlt, gemeinsam mit Wolfgang Fellner zu moderieren. Sie habe Angst gehabt, in eine unangenehme Lage versetzt zu werden, weil Fellner in der Vergangenheit vor laufender Kamera sexistische Bemerkungen gegenüber Co-Moderatorinnen oder weiblichen Studiogästen geäußert habe. Sie nennt zwei Beispiele: das inzwischen legendäre „Bambi-Interview“ und jenes mit den Buckelwalen.

Am 23. Jänner 2019 war Nina Bruckner, die in der Öffentlichkeit unter dem Namen „Bambi“ und durch ihre Bekanntschaft zu dem Bauunternehmer Richard Lugner bekannt wurde, in der Sendung Fellner! LIVE zu Gast. Bruckner, die von Fellner als „Tierchen“ und „sexy Betthupferl“ beschrieben wurde, erwartete zu diesem Zeitpunkt ein Kind von ihrem Freund – für Fellner ein „Samenspender“ und „Produktionsmeister“. Fellner interessierte vor allem eine Sache: Zehn Jahre Freundschaft mit Richard Lugner und „kein einziges Mal Sex“? Immer wieder stellte er diese Frage. „Nichts passiert?“, das könne er sich nicht vorstellen, er kenne ja den Richard. „Der hat nie versucht mit dir Sex zu haben? Das gibt es ja gar nicht, wenn ich mich dich so anschaue, entschuldige vielmals, das ist ja unmöglich.“ Lugner habe sie auch „nie begrapscht oder sonst was? Das hält man aus als Mann?“ Zur Erinnerung: All das sagte Wolfgang Fellner in der Fernsehsendung.

Am 18. Oktober 2018 interviewte Fellner seine eigene Mitarbeiterin, die oe24.tv-Moderatorin Nadine Friedrich, die im Südpazifik mit Buckelwalen geschwommen war. Während des Gesprächs wurden Unterwasservideos von der Begegnung der Moderatorin mit den Walen eingespielt. Darunter auch eine Szene, die ein Walweibchen und einige Walmännchen bei einem Paarungsversuch zeigen.

Fellner fragte die Moderatorin: „Und du hast nicht Angst gehabt, dass die vielleicht auf dich losschwimmen, wenn sie bei dem Weibchen nicht erfolgreich sind? Und vielleicht mit dir Sex wollen?“ Das könne ja passieren unter Wasser. Woraufhin die Moderatorin lächelnd verneinte. Fellner hakte nach: „Da würde selbst ich Panik bekommen, wenn da sieben, acht Wale auf dich zuschwimmen, an dir vorbeischwimmen, noch dazu so geile Männchen, und ich mein, wer dich anschaut, der kann sich vorstellen, was in diesen Walen vorgeht, wenn sie dich sehen.“

Später wollte Fellner von Friedrich wissen: „Träumst du von Walen, wenn du schlafen gehst, oder von Männern? Von singenden Männchen oder von Walen?“ Zur Verabschiedung sagte Fellner: „Danke fürs Zuschauen. Träumen Sie von den Walen oder träumen Sie von der Nadine, je nachdem, wie Sie veranlagt sind. Ich träume von beiden.“

Die ehemalige oe24.TV-Moderatorin Raphaela Scharf behauptet, dass Wolfgang Fellner auch hinter der Kamera anzüglich gegenüber Mitarbeiterinnen geworden sei – und mehr noch als das. Darüber wird am Mittwoch am Wiener Arbeits- und Sozialgericht weiter verhandelt werden.  Raphaela Scharf wird vom renommierten Medienanwalt Michael Rami vertreten. Aus rechtlichen Gründen könne auch er die laufenden Verfahren nicht ausführlich kommentieren, sagt der ZEIT. Er hält aber fest: „Wolfgang Fellner hatte ein Arbeitsumfeld geschaffen, das für meine Mandantin schlicht unerträglich war. Trauriger Tiefpunkt war, dass er meine Mandantin vor Kollegen anschrie, ihr Aussehen mit dem einer ‚Nutte‘ verglich und sie mit der Staatsanwaltschaft bedrohte.“ Rami vertritt auch eine zweite Mandantin, die Wolfgang Fellner sexuelle Belästigung vorwirft.

In der medialen Öffentlichkeit wurde der Fall um den „bekannten Medienmanager“, der als klagefreudig gilt und für Negativkampagnen in seinen Boulevardblättern bekannt ist, bisher nur sehr zurückhaltend rezipiert. Nach dem Prozesstag am Mittwoch könnte sich das ändern. Mich persönlich hat die hohe Personal, bzw Mitarbeiter-Fluktation bei oe24.tv in den letzten Monaten auch schon verwundert. Da ich dort eine Quelle sitzen habe, weiß ich um das angeblich toxische Klima und wie man auf Mitarbeiter, vor allem die jungen, Generation Praktika, extremen Druck ausüben soll. Doch das kenne ich leider von den meisten Medienhäusern in Österreich.

Sollten sich jedoch all diese Vorwürfe bewahrheiten wäre das für Fellner, als auch sein Medienimperium ein enormer Tiefschlag!

Wobei die sogenannte „Besetzungscouch“ leider bis heute bei einigen Medien fallweise wirklich Gang und Gäbe ist und leider lassen sich nicht wenige junge Frauen für den großen Traum in der Medienbranche Fuß zu fassen (wobei es dort in der heutigen Zeit weder was zu Großartiges an Geld zu verdienen gibt, außer für jene die zu den alten Hasen gehören und des weiteren das Ganze auch kaum noch etwas mit Journalismus zu tun hat) sich leider oftmals für ihren großen Traum, fallweise sexuell „kaufen“ lassen, wie ich es selbst in meiner Zeit bei ATV, Live erleben durfte, bzw musste! Was mitunter einer der Gründe war warum ich quasi alle 2 Jahre Sender und Ressort gewechselt habe (was aber in der Regel eher mit inhaltlichen, oder organisatorischen Abläufen zu tun hatte), bis ich beschloß einen Schlussstrich zu ziehen. Um mich weiterhin in den Spiegel schauen zu können.

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Von Manuel Cornelius Mittas

Freier Journalist, Video-Reporter, Mediengestalter, DJ & Musiker,

Ein Gedanke zu „Belästigungsvorwurf und Prozess gegen Wolfgang Fellner wegen mutmaßlicher sexueller Belästigung?“

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