Rothschild-Erbin behauptet ersten Sieg über Wien im Kampf um nationalsozialistisch beschlagnahmtes Vertrauen

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Übersetzung: Manuel C Mittas

Rothschild-Erbin behauptet ersten Sieg über Wien im Kampf um nationalsozialistisch beschlagnahmtes Vertrauen
Gericht sagt, die Stiftung müsse aufgrund des Interessenkonflikts der Stadt unabhängig vertreten werden; ein Nachkomme sagt, er wolle die Wohltätigkeitsorganisation wieder als Zentrum für neurologische Versorgung etablieren
Von TOI STAFF und AFP

  1. November 2020, 15:49 Uhr

Geoffrey Hoguets Klage dreht sich um eine Stiftung, die 1907 mit dem Geld seines Ur-Ur-Onkels Nathaniel Freiherr von Rothschild gegründet wurde, der bei seinem Tod 1905 den Gegenwert von etwa 100 Millionen Euro (110 Millionen Dollar) hinterließ, um psychiatrische Hilfe für Bedürftige zu leisten.
Hoguet, ein 69-jähriger New Yorker Investor, wirft Wien vor, sich die Stiftung unter Verletzung des Stifterwillens angeeignet und Gesetze aus der NS-Zeit „verewigt“ zu haben. Er erfuhr erst 2018 von der Existenz der Stiftung.

A sign for Rothschild square, named after the Nordbahn founder and financier Salomon Mayer von Rothschild is pictured in Vienna Austria on February 18, 2020. – Geoffrey Hoguet, a Rothschild’s heir, Europe’s most famous bank dynasty and once Autrian most powerful family accuses the city of Vienna of wrongfully managing a 1907 foundation that the Nazis dissolved in 1938 and whose properties then went to the city after the war. (Photo by JOE KLAMAR / AFP)

Ein Schild für den Rothschild-Platz, benannt nach Salomon Mayer von Rothschild, ist am 18. Februar 2020 in Wien, Österreich, abgebildet. (Joe Klamar/AFP)
„Die Entscheidung ist ein wichtiger erster Etappensieg in unserem Rechtsstreit mit der Stadt Wien, um den Kurs der bis heute andauernden Ungerechtigkeiten aus der Nazi-Zeit zu korrigieren“, sagte Hoguet der Zeitung. „Damit erkennt das Gericht die Unregelmäßigkeiten an, die die Stadt Wien seit der Usurpation dieser Stiftung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 begangen hat“.

Hoguet forderte die Beamten in Wien außerdem auf, „wieder einen unabhängigen Verwaltungsrat für die Stiftung einzurichten und die Nazi-Beute zurückzugeben, damit sie ihrem Zweck, wie er von meiner Familie verfolgt wurde, dienen kann“.

Auf dem Spiel steht unter anderem ein neurologisches Krankenhaus aus dem Jahr 1912, das sich durch seine elegante, zeitgenössische Architektur in einem 230 Hektar großen Park am Rande der Hauptstadt auszeichnet.

Einmarsch der österreichischen Truppen auf den Heldenplatz in Wien, Österreich, 14. März 1938. (AP)
Der Rechtsanwalt für Wien argumentiert, dass die Wiederherstellung der Stiftung 1956 „im Einvernehmen und nach den ursprünglichen Wünschen“ von Nathaniel von Rothschild nach ihrer Auflösung durch die Nazis 1938 erfolgte.

Hoguet sieht dies jedoch anders und will „das Vermächtnis“ seines Ur-Ur-Onkels „ehren“, indem er dem Guardian mitteilt, dass die Stiftung im Grunde nur noch eine Immobilienorganisation sei, die ihre eine verbliebene Klinik für einen nominellen Betrag an ein öffentliches Krankenhaus verpachtet habe, ohne das Rothschild-Erbe zu erwähnen.

„Ich ging im Februar zurück und lief auf dem Campus [des Krankenhauses] herum, und es gab nicht einen einzigen Hinweis auf den Namen der Familie“, sagte Hoguet und fügte hinzu, dass dies einer von mehreren Vorfällen sei, bei denen er sagt, dass das Vermächtnis seiner Familie von Wien ausgelöscht wird.

Er will den Verkauf eines von zwei Sanatorien in den frühen 2000er Jahren annullieren – ein spätbarockes Palais, das Berichten zufolge eines der weltweit frühesten Zentren für psychiatrische Behandlung war – und er will eine Klausel aus dem Jahr 2017 annullieren, die festlegt, dass im Falle einer Auflösung der Stiftung ihr Vermögen an die Stadt Wien geht.

Hoguet sagte, er wolle die Stiftung wieder als Zentrum für neurologische und psychische Gesundheitsfürsorge etablieren und fügte hinzu, dass er, obwohl er finanziell nicht profitieren würde, ein Interesse an diesem Bereich habe, da bei ihm die Parkinson-Krankheit diagnostiziert worden sei.

Hannes Jarolim, der Anwalt, der mit der Reaktion Wiens auf die Forderungen beauftragt war, sagte der Financial Times, dass Hoguets Argumente „nicht haltbar“ seien, und fügte hinzu, dass das Schicksal der Stiftung vor Jahrzehnten geregelt worden sei und „völlig im Einklang mit [ihrem] ursprünglichen Zweck“ stehe.

Hoguet behauptete jedoch, dass Wien bei der Neugründung der Stiftung verpflichtet gewesen sei, dafür zu sorgen, dass eine Mehrheit der Vorstandsmitglieder von der Familie Rothschild nominiert wurde.

„Es wäre nicht schwierig gewesen, die Familie zu erreichen, sei es in Paris oder in London, um herauszufinden, wer vom österreichischen Zweig der Familie noch anwesend war“, sagte Hoguet.

Vom Ghetto zu den Palästen
Der Streit wirft ein Schlaglicht auf das ambivalente Verhältnis Österreichs zur jüdischen Bankiersfamilie, deren Geschichte mit dem finanziellen und kommerziellen Erfolg des ehemaligen Habsburgerreiches einhergeht.

„Die Geschichte der Rothschilds ist aus dem kollektiven Gedächtnis Wiens verdrängt worden“, sagte der österreichische Historiker Roman Sandgruber, der 2018 ein Buch über die Geschichte des österreichischen Zweigs der Rothschilds verfasst hat.

In den frühen 1800er Jahren hatte der Rothschild-Patriarch Mayer Amschel, der ursprünglich aus dem jüdischen Ghetto in Frankfurt stammte, seine fünf Söhne geschickt, um die Familienangelegenheiten in den wichtigsten Hauptstädten Europas zu regeln.

Eine Marmorstatue von Salomon Mayer von Rothschild, ausgestellt im Jüdischen Museum in Wien, Österreich, 18. Februar 2020. (Joe Klamar/AFP)

A marble statue of Nordbahn founder and financier Salomon Mayer von Rothschild, created by Johann Meixner, 1869/70, is on display at the Jewish Museum in Vienna Austria on February 18, 2020. – Geoffrey Hoguet, a Rothschild’s heir, Europe’s most famous bank dynasty and once Autrian most powerful family accuses the city of Vienna of wrongfully managing a 1907 foundation that the Nazis dissolved in 1938 and whose properties then went to the city after the war. (Photo by JOE KLAMAR / AFP)


Sein zweiter Sohn Salomon Mayer von Rothschild gründete 1820 die erste Bank in Wien, und sein Sohn Anselm gründete 1855 die Credit-Anstalt – Hoguet war in der Geschäftsleitung der Bank tätig, bevor diese in den 1990er Jahren verschwand.

Wie in London und Paris wurde auch in Wien die Rothschild-Bank schnell zu einem wichtigen Partner der Machthaber.

Sie beteiligte sich an der Finanzierung von Kriegen sowie von großen städtischen und industriellen Projekten, einschließlich Minen und Eisenbahnen – und unterstützte die Monarchie wirksam.

„Als Kaiser Franz-Joseph langwierige Gespräche mit Albert Rothschild führte, ging das Gerücht um, dass die Monarchie eine finanziell schlechte Phase durchmachte“, schreibt Georg Markus, Journalist und Spezialist für die österreichische Monarchie.

1887 gab der Kaiser Albert Rothschild das Recht, den kaiserlichen Hof zu besuchen, eine seltene Ehre für eine jüdische Person. Bei seinem Tod im Jahr 1911 galt er laut Sandgruber als „der reichste Mann Europas“.

In diese Zeit fiel auch die größte Einzelspende in der österreichischen Geschichte, die Nathaniel, einer von Alberts Brüdern, ein Philanthrop, der sich mehr auf die Kunst als auf die Finanzen konzentrierte, um die nach ihm benannte Stiftung zur Errichtung psychiatrischer Krankenhäuser zu gründen, die ihrer Zeit weit voraus waren.

Wilde Theorien
Doch neben dem finanziellen Erfolg prägte auch der Antisemitismus die Familiensaga mit den aus Österreich vertriebenen Rothschilds, als Nazi-Deutschland 1938 das Land annektierte.

„Der Name Rothschild war sowohl die Zielscheibe derer, die die Massen mit Judenhass erregten, als auch der Antikapitalisten“, sagte Sandgruber gegenüber der AFP.

Lange vor dem Internetzeitalter kursierten die wildesten Theorien über die Familie: Eine von ihnen behauptete, dass der erste der Wiener Rothschilds, Salomon, der Großvater Adolf Hitlers war, was die damalige Kanzlei veranlasste, eine Untersuchung einzuleiten.

Das Schloss Enzesfeld, 30 Meilen südlich von Wien, am 14. Dezember 1936, wo der Herzog von Windsor, Ex-König Edward von Großbritannien, am 14. Dezember 1936 Gast von Baron Eugene Rothschild war. (AP-Foto)

The castle of Enzesfeld, 30 miles south of Vienna, on Dec. 14, 1936, where the Duke of Windsor, ex-King Edward of Great Britain, is the guest of Baron Eugene Rothschild. (AP Photo)


Nach dem Krieg wurden die prunkvollen Familienpaläste im Zentrum Wiens, ein Rothschild-Spital und ein vom Bankinstitut finanzierter Bahnhof abgerissen, um Platz für moderne Bauten zu schaffen.

„Die Kämpfe selbst haben nicht nur dieses Erbe beschädigt, sondern es war auch eine Geschichte, mit der sich Österreich nicht wohlfühlte“, sagte Michaela Feurstein-Prasser, Autorin des Leitfadens „Das jüdische Wien“.

Erst 2016 wurde in Wien am Hauptsitz der Bankengruppe UniCredit Bank Austria, die in den 1990er Jahren die Credit-Anstalt übernommen hatte, ein Rothschild-Platz eingeweiht.

Quelle: https://www.timesofisrael.com/rothschild-heir-claims-initial-win-over-vienna-in-battle-over-nazi-seized-trust/?fbclid=IwAR0KQE_1fAGaLv2LGOICZI5wbDGRuQIaEkuwnR90tkBi0dvS9M0F81cPIGs

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