BÜCHERTIPP: Ian Sayer & Douglas Botting – Nazi Gold, Das Geheimnis um das geraubte Gold der Deutschen Reichsbank / Finanzbuch-Verlag

Als sich die Niederlage 1945 abzeichnet, schaffen die Nazis Reichsbank-Gold und Devisen aus Berlin. Ganze Wagenladungen werden später durch die Alliierten in Stollen in Thüringen und Bayern sichergestellt. Doch ein großer Teil bleibt verschwunden.
Ian Sayer sucht bereits seit fast 40 Jahren nach dem verschwundenen Nazi-Gold.
Er befragt Zeitzeugen, reist um die halbe Welt, inspiziert Gebäude und Verstecke. Nach intensiven Recherchen stöbert er zwei Goldbarren der Reichsbank in den Tresoren der britischen Notenbank auf. Der Durchbruch? Eine packende Reise durch Nachkriegsdeutschland an der Seite eines leidenschaftlichen Schatzjägers

LESEPROBE:

VORWORT ZUR DEUTSCHEN
ERSTAUSGABE


Am 25. Dezember 2020 jährt sich zum 46. Mal der Tag, an dem ich das Verschwinden riesiger Mengen von Devisen, Diamanten, Goldbarren und anderen Schätzen
untersuchte, die vom Naziregime aus den besetzten Ländern geraubt worden waren.
1974 war das digitale Zeitalter noch in weiter Ferne, weshalb es elf Jahre dauerte,
um für Nazigold zu recherchieren, das Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.
Seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe im Jahr 1984 wurden über eine Million Exemplare in vielen Sprachen verkauft.
Seit der Veröffentlichung hat sich der Buchtitel Nazigold zu einem Gattungsbegriff entwickelt, der grob auf jede Form von wertvollem Raubgut angewendet wird,
einschließlich aller Arten von Gold, Silber, Diamanten, Schmuck, Devisen und anderen Edelmetallen. Der Begriff wurde von Regierungen, Medien und vielen Autoren übernommen, aber das Buch, das Sie nun vor sich haben, ist das ursprüngliche
Nazigold, und ich bin stolz darauf, dass es sich über die Zeit hinweg bewährt hat.
Im Jahr 1978 hatte ich zwei Barren gestohlenes Nazigold aufgespürt und das
US-Außenministerium gebeten, meinen Fund zu untersuchen. Sie ignorierten
mich, bis ich mich mit der London Sunday Times zusammentat. Schließlich stimmte
das US-Außenministerium 1983 zu, eine Untersuchung einzuleiten. Sie gipfelte in
einer Zeremonie am 27. September 1996 in Bonn, bei der die deutsche Regierung
zwei Goldbarren an Vertreter der US-Regierung übergab. Das Prozedere bis zu diesem Punkt hatte ganze 18 Jahre gedauert!
Am 8. Mai 1997 gab die Bank of England eine Pressemitteilung heraus, in der
sie veröffentlichte, dass sie zwei Goldbarren mit Naziprägung besaß, die zu den Informationen passten, die ich in meinem Buch bereitgestellt hatte. Später in diesem
Jahr wurde mir die seltene Ehre zuteil, in die Goldbarrentresore der Bank von England eingeladen zu werden, um »meine« Goldbarren (die derzeit über 1,5 Millionen
Dollar wert sind) zu besichtigen und in Händen zu halten. Es war eine passende Anerkennung für meine Mission, einen Teil des fehlenden Goldes wiederaufzufinden.
(derzeitiger Wert – auf Grundlage

2020 FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.m-vg-verlag.de

Ich hatte auch ähnliche Beweise vorgelegt, die auf das Verschwinden von US-Dollarnoten im Wert von 426.866 Dollar hindeuteten Inflation – 6.163.945 Dollar und bis zu 32.000.000 Dollar auf Grundlage anderer Kriterien). Leider beschloss die zuständige Behörde, das US-Finanzministerium,
es dem US-Außenministerium nicht gleichzutun. Es leitete keine Untersuchung auf
der Grundlage meiner Ergebnisse ein. Dieses Geld fehlt nach wie vor.
Seit 1984 werde ich regelmäßig von Schatzsuchern, Abenteurern und Medienorganisationen konsultiert, die mich um Hilfe bei der Suche nach weiteren Nazigoldverstecken bitten. Bis zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Vorworts sind mir jedoch
keine weiteren bedeutenden Funde bekannt.
Meine Untersuchungen waren aufregend, manchmal mühsam und sogar gefährlich, aber ich habe jede Minute davon genossen.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre des originalen Nazigold.



Der Raub des Reichsbankvermögens im Jahr 1945 war nicht nur der größte Raub
in der Geschichte, sondern über viele Jahre auch ein Ereignis, über das kaum etwas
bekannt war.


Die Ära des Nationalsozialismus inspirierte beinahe so viele Mythen über verschollenes Gold und andere Schätze wie die Zeiten der spanischen Freibeuter – Mythen über Raubgut der SS, das in den Tiefen eines Alpensees lagert; über kostbare
Juwelen in gesunkenen U-Booten und im libyschen Wüstensand verscharrtes Gold
von Erwin Rommel, Generalfeldmarschall in der Zeit des Nationalsozialismus. Einige dieser Legenden basieren auf Tatsachen, wie zum Beispiel diejenigen, die sich
auf den österreichischen Toplitzsee beziehen. Dort waren am 29. April 1945 von
SS-Leuten tatsächlich Kisten versenkt worden. Diese hätten, so hieß es, zu Barren
umgeschmolzenes Zahngold aus den Konzentrationslagern sowie geheime Akten
der NS-Führung enthalten. Tatsächlich wurden bei zahlreichen Tauchgängen seit
den 1950er-Jahren jedoch nur Kisten mit von den Nazis gefälschten Pfundnoten
geborgen. Die Hoffnung auf einen Goldschatz hingegen erfüllte sich bislang nicht.
Wahrscheinlich denken die meisten Menschen daher zuerst an den Toplitzsee, wenn
von dem Nazischatz die Rede ist. Nazigold handelt allerdings von einem ganz anderen Schatz, und zwar von einer Geschichte, um die sich seit Jahren alle möglichen
Gerüchte und Spekulationen ranken: die verschollenen millionenschweren Goldund Währungsreserven der Reichsbank, die irgendwo in den bayerischen Alpen versteckt liegen sollen.


Die bekannten Fakten über das Verschwinden eines Teils der Reichsbankreserven gingen im Chaos der deutschen Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkriegs
und dem administrativen Durcheinander der anschließenden amerikanischen Besatzung unter. Die verspäteten Bemühungen des amerikanischen Militärs und der
deutschen Zivilbehörden in den Nachkriegsjahren, diese Fakten nachträglich zusammenzutragen und daraus schlüssige Erkenntnisse zu gewinnen, wurden von der
Unkenntnis der tatsächlich vermissten Summen und Wertgegenstände, mangelnder
Koordination zwischen den verschiedenen Ermittlungsbehörden sowie der Unauffindbarkeit wichtiger Zeitzeugen zunichtegemacht.

Die erste öffentliche Erwähnung des Reichsbankschatzes scheint einem Zeitungsartikel von Henriette von Schirach (die mit Hitlers Reichsjugendführer Baldur von Schirach verheiratet war) zu entstammen, der im Oktober 1950 unter dem
Titel »Das Gold vom Walchensee« in der Illustrierten Wochenend erschien. In diesem Artikel wurden zumindest die richtigen Fragen gestellt, allerdings lieferte er
keine Antworten. Und er scheint die Münchener Kriminalpolizei dazu veranlasst
zu haben, ihre eigenen Ermittlungen über bestimmte Aspekte dieses Mythos anzustellen. Während dieser Ermittlungen wurde die Geschichte von dem Münchener
Journalisten Ottmar Katz in dem Artikel »Hinter den Kulissen … Wo ist das Gold
vom Walchensee?« aufgegriffen, der im Mai 1952 in der Zeitschrift Quick veröffentlicht wurde. Kurz darauf wurde ein englischer Autor namens William (Billy) Stanley Moss auf die Geschichte aufmerksam, der daraufhin seine eigenen privaten Ermittlungen über den Raub des Reichsbankgoldes und seine Folgen anstellte und sie
1956 in London in dem Buch Gold Is Where You Hide It veröffentlichte. Dieses Buch
war zwar unvollständig und in Teilen irreführend, aber es war der erste Versuch einer kohärenten Schilderung der Reichsbankaffäre und die erste, die außerhalb von
Deutschland erschien. Auf indirekte Weise wies sie den Weg zu der vorliegenden
genaueren und vollständigeren Wiedergabe der Ereignisse.
Billy Moss, Autor des Bestsellers Ill Met By Moonlight (das von seiner Beteiligung an der riskanten Entführung des Kommandeurs der deutschen Streitkräfte auf
Kreta während des Zweiten Weltkriegs handelt) wurde erstmalig über einen Mittelsmann auf den Reichsbankraub aufmerksam – den gebürtigen Polen und eingebürgerten Briten Andrew Kennedy. Während des Zweiten Weltkriegs war Andrew Kennedy der führende Kopf einer Fluchtorganisation in Ungarn und später Mitglied
der britischen nachrichtendienstlichen Sondereinheit Special Operations Executive
(SOE). Nach dem Krieg lebte und arbeitete er als Geschäftsmann in Deutschland,
wo er sich eines breiten Freundeskreises erfreute, dem nicht nur Billy Moss, sondern auch zwei Bürger aus Garmisch-Partenkirchen angehörten, und zwar Gusti
Stinnes und ihr englischer Ehemann Eric Knight. Über diese beiden – Gusti und
Eric Knight – bekamen Kennedy und Moss erstmalig Wind von der Geschichte des
Reichsbankschatzes.


Billy Moss arbeitete unter widrigen Umständen. Weder war es gut um seine Gesundheit bestellt, noch verfügte er über die finanziellen Mittel für ein Projekt dieser
Tragweite. Darüber hinaus verweigerten ihm die US-Behörden, in deren verschiedenen Archiven man maßgebliche Informationen über den Raub des Reichsbankgoldes vermutete, jegliche Kooperation. Tatsächlich stritt und streitet die amerikanische Regierung bis heute ab, dass ein solcher Raub je stattgefunden hat, oder dass
Mitglieder der amerikanischen Streitkräfte an einem solchen Raub beziehungsweise
den darauffolgenden Ereignissen beteiligt waren. Die Archive, so die Regierung,
enthielten keinerlei Aufzeichnungen, die irgendeinen Hinweis auf ein solches Vorkommnis gäben. Zudem verweigerte die Regierung auch die Einsicht in die maßgeblichen Dokumente, die für die Nachforschungen unverzichtbar waren. Moss’
Buch fiel daher zwangsläufig ein wenig dürftig und spekulativ aus. Dennoch kam esdem Kern der Sache ziemlich nahe und blieb über fast dreißig Jahre der beste Versuch, das Rätsel über das Verschwinden des Reichsbankschatzes zu lösen.


Bald darauf wurde das Guinnessbuch der Rekorde auf eine Meldung über diese
Geschichte aufmerksam, die sich in den Archiven der Nachrichtenagentur Associated Press-Reuter in London befand, und nahm sie als »größten Raub der Welt« in
seine frühen Ausgaben auf. In dem Eintrag wurden hochrangige Funktionäre sowohl
der amerikanischen Streitkräfte als auch der ehemaligen Deutschen Wehrmacht der
Beteiligung an dem Raub bezichtigt, und es wurde zu Recht darauf hingewiesen,
dass nie irgendjemand zur Rechenschaft gezogen worden war, wobei die Angaben
über die entwendeten Summen und Wertgegenstände weit von der Realität entfernt
waren. Der Eintrag wurde in jedem Folgejahr (bis auf eines) in unterschiedlicher
Form nachgedruckt, und es war dieser Eintrag, der die beiden gegenwärtigen Autoren unabhängig voneinander erstmalig auf die Fährte der bemerkenswerten Ereignisse brachte, die das Thema des vorliegenden Buches bilden.


Douglas Botting, Forschungsreisender und Autor, stieß erstmals im Jahr 1969
auf den Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde, und zwar im Anschluss an eine
Reise nach Brasilien, wo er meinte, den Aufenthaltsort von Hitlers verschollenem
ehemaligen Parteisekretär Martin Bormann ausfindig gemacht zu haben. Genau wie
Moss kam Botting mit den US-Archiven nicht weiter und gelangte schließlich zu
dem (wie sich später herausstellen sollte, falschen) Schluss, der Raub der Reichsbank
sei ein Produkt antiamerikanischer Propaganda der von den Sowjets kontrollierten die ostdeutsche Presse – in der Ausgabe des Guinnessbuch der Rekorde von 1970 befand sich ein Eintrag in diesem Sinne. Er widmete seine Aufmerksamkeit daraufhin
anderen Themen des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands.


Fünf Jahre später, kurz vor Weihnachten des Jahres 1974, kaufte Ian Sayer, der
im Jahr des Reichsbankraubes geboren wurde, seine erste Ausgabe des Guinnessbuch der Rekorde. In der Sekunde fing er Feuer und nahm mithilfe eines Kollegen
namens Harry Seaman unmittelbar private Nachforschungen über den Reichsbankraub auf – ein Projekt, das schon bald zu einer passionierten Suche nach der definitiven Wahrheit werden sollte. Das war allerdings leichter gesagt als getan. Sayer begann bei null. Er besaß nicht einmal Billy Moss’ Vorteil persönlicher Kontakte zu einigen der maßgeblich Beteiligten an der Reichsbankaffäre.

Weder kannte er die echten Namen der involvierten Personen, noch beherrschte er die Techniken der historischen und strafrechtlichen Ermittlungen oder die nötigen Mittel, um ausländische Staatsbürger in weit entfernten Ländern aufzuspüren oder sich an Plätzen
wie Washington, Berlin und Buenos Aires hochsensible Aufzeichnungen aus Militär- und Polizeiakten zu beschaffen. Aber er hatte Feuer gefangen und ließ nicht mehr locker.
Zunächst war es eine äußerst undankbare Aufgabe: viele Tage mühseliger Recherchen im Public Records Office, dem damaligen Nationalarchiv des Vereinigten
Königreichs, und im britischen Zeitungsarchiv Colindale Newspaper Library (das
2013 geschlossen und in die British Library überführt wurde) sowie endlose Stunden, in denen er internationale Telefonverzeichnisse durchkämmte.

Viele Personen waren in der Zwischenzeit verstorben, einschließlich Billy Moss. Zwar war Sayer das eine ganze Weile nicht bewusst, aber die Geschichte spielte ihm in die Hände. Das
Debakel Nixons zweiter Amtszeit und die misslungene Vertuschung der WatergateAffäre boten Sayer die erste Gelegenheit, einen Fuß in die Tür zu bekommen, denn
dieser Skandal führte indirekt zum Freedom of Information Act – dem 1967 erlassenen amerikanischen Gesetz zur Informationsfreiheit –, das eine Art Sesam-öffneDich zu den Archiven der US-Regierung und den verschiedenen Ministerien und
staatlichen Behörden bildete.


Das war der erste Durchbruch. Im Verlauf von vielen Monaten und Jahren gaben die Archive ihre Geheimnisse in winzigen, schrittweisen Enthüllungen allmählich preis. Wenngleich das Heeresministerium (Department of the Army) in Washington nach wie vor den Reichsbankraub und jede Beteiligung amerikanischer
Soldaten an den im Buch beschriebenen Ereignissen leugnete, führte ein Dokument
zum nächsten, offenbarte ein Name fünf weitere, bis Sayer allmählich ein pralle
Dossier über Straftaten, Korruption und Vertuschung im amerikanisch besetzten
Nachkriegsdeutschland angelegt hatte. Im Jahr 1976 reiste Sayer (der ungern fliegt)
auf der Queen Elizabeth II nach Amerika, um persönlich Einsicht in die Nationalund Militärarchive in Washington und den benachbarten Bundesstaaten Maryland
und Virginia zu nehmen.

Er fand sich in eigenartigen Situationen wieder, die er
sich nie zuvor ausgemalt hatte – im Pentagon, in Telefonaten mit dem CIA, an die
Türen des Geheimdienstes, des Nachrichtendienstes der Armee (USAI) und einer
Reihe anderer amerikanischer Regierungs- und Militärbehörden klopfend. Die Dokumente führten auf viele finstere Abwege, und nicht selten waren sie umfangreich
zensiert. Über bestimmte Themen, über die alle Unterlagen bewusst vernichtet worden waren, konnte er überhaupt nichts in Erfahrung bringen. Das wurde jedoch
durch Sayers Entdeckung des Computers des amerikanischen Heeresamtes wettgemacht – dem unverzichtbaren Instrument zur Rückverfolgung von Personen über
große Zeiträume.

Zurück in England führte er unzählige Transatlantik-Telefonate. Auf diese Weise
gelang es ihm, zahlreiche ehemalige Angehörige der amerikanischen Streitkräfte aus
den alten Zeiten in Bayern ausfindig zu machen, und zwar an so weit entfernten und
unterschiedlichen Orten wie Locust Valley in Long Island, Anchorage in Alaska,
Concrete in Washington State, Drake Falls in Virginia, Liberty Lake, Hollywood,
New York, El Paso, St. Petersburg, Fort Worth und Palm Springs. Fast ausnahmslos
waren seine jeweiligen Gesprächspartner äußerst zuvorkommend und kooperationsbereit. Nach mehr als dreißig Jahren konnten sich einige jedoch nicht mehr so
recht erinnern, andere hatten dagegen ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen.
Die meisten waren vor allem erstaunt, dass der Fall nach so langer Zeit wieder ausgegraben wurde. Und umso erstaunter waren sie, dass ausgerechnet ein Brite dafür verantwortlich war. Es wurde milde als typisches Beispiel britischer Exzentrik gewertet.
Parallel zu Ian Sayers Durchbruch in Amerika wurde ein ähnlicher Durchbruch
in Europa erzielt.

Der mit Billy Moss befreundete Andrew Kennedy stellte nämlich
den Kontakt zu einem ehemaligen Polen namens Ivar Buxell her. Buxell hatte sich
im Bayern der Nachkriegszeit nahe am Geschehen befunden und war anschließend
nach Venezuela emigriert. Allerdings hatte er den Kontakt zu seinen alten Freunden in Deutschland bewahrt – eine Art Knotenpunkt, von dem zahlreiche Verbindungen in alle Himmelsrichtungen ausgingen. Buxell erwies sich als unermüdliche
und überaus hilfreiche Informationsquelle für zahlreiche der in diesem Buch beschriebenen Ereignisse. Mithilfe von Männern, die über einen ausgeprägten Sinn
für Geschichte verfügten, so wie Buxell, William C. Wilson (ein ehemaliger Agent
der Militärstrafverfolgungsbehörde der US Army mit einem bemerkenswerten und
erstaunlich akkuraten Gedächtnis für Personen und Ereignisse) oder Tom Agoston
(ein englischer Zeitungsjournalist, der als Erster über die Geschichte der Reichsbankaffäre und die Geschehnisse in Garmisch schrieb und Sayer zu den Vermerken, Beschreibungen und der Korrespondenz von Günther Reinhardt führte – einer
maßgeblichen Figur in den späteren Phasen dieser Geschichte), konnten einige der
Lücken in den offiziellen Archiven geschlossen und die historischen Dokumente um
persönliche und Einzelinformationen angereichert werden, was andernfalls kaum
möglich gewesen wäre.


Das Netz spannte sich über vier Kontinente bis zu so weit auseinanderliegenden
Orten wie Caracas, Buenos Aires, Harare in Simbabwe, Rom und Livigno, Graz und
Innsbruck, Garmisch und Mittenwald. Das war jedoch alles andere als ein Kinderspiel. Es gab Zeiten, da das Projekt gegen eine Betonmauer zu prallen schien und
Monate vergingen, ohne dass irgendwelche Fortschritte erzielt oder ein Weg aus
der Sackgasse gefunden wurde. Als Privatperson war es für Sayer nicht leicht, offizielle Institutionen zu hinterfragen und Ereignisse zu rekonstruieren, die einige Jahr-
zehnte zuvor allen möglichen Vertuschungsversuchen zum Opfer gefallen waren.
Bestimmte Personen wehrten sich nachvollziehbarerweise gegen Nachforschung
über ihre Vergangenheit, wobei ein oder zwei der Betroffenen Schwierigkeiten verursachten, die das Potenzial besaßen, hochnotpeinlich zu werden. Im März 1981
zum Beispiel nannten ein oder mehrere Unbekannte Ian Sayer nach einem Treffen
mit einem deutschen Journalisten in Innsbruck, mit dem Sayer Aspekte des vorliegenden Buches besprochen hatte, gegenüber der Londoner Zeitung Daily Mail als
diejenige Person, die den Polizeibehörden bei der Aufklärung des Verbleibs einer
Engländerin namens Jeanette May behilflich sein könne, die seit dem vorhergehenden Winter in Italien vermisst wurde und von der man vermutete, dass sie einer
Entführung zum Opfer gefallen war.


Mrs. May, die in erster Ehe mit einem Mitglied der Familie Rothschild verheiratet gewesen war, war im Winter 1980 während eines Schneesturms in Begleitung
einer Freundin durch eine abgelegene Bergregion Italiens gefahren und wurde seitdem vermisst. Es erübrigt sich die Erwähnung, dass Sayer absolut nichts mit Mrs.
Mays Verschwinden zu tun hatte. Ebenso wenig wusste er, wer seinen Namen an die
Daily Mail weitergegeben hatte, wenngleich er einen Verdacht hatte. Im Juli 1981
wurde er zum ersten Mal von zwei Angehörigen der italienischen Carabinieri sowie
zwei Beamten des Londoner Dezernats für Schwerverbrechen verhört. Damit hatte
es sein Bewenden, bis die Überreste der beiden Frauen im Januar 1982 im italienischen Gebirge gefunden wurden. Ein Jahr später rollte die italienische Polizei den
Fall wegen des Verdachts auf Doppelmord erneut auf. Im März 1983 wurde Sayer zu
Scotland Yard zum Verhör durch Vertreter der italienischen Polizei vorgeladen, und
die italienische Presse brachte ihn in diversen Artikeln nicht nur mit dem Tod von
Jeanette May, sondern auch mit dem Tod des italienischen Bankiers Roberto Calvi
sowie den Aktivitäten der P2 (Propaganda 2), einer rechtsextremen Freimaurerloge,
in Verbindung.

Diese Artikel wären äußerst amüsant gewesen, wenn sie nicht auf
so eklatante und schockierende Weise unwahr und diffamierend gewesen wären.
Zwar hatte Sayer keine Mühe, der italienischen Polizei gegenüber seine Unschuld zu
beweisen, aber er war sich sicher, dass das Ganze eine Folge seiner Beteiligung am
Projekt Nazigold war – möglicherweise als Warnung vor eingehenderen Nachforschungen über die Vergangenheit.
Anfangs hatte Ian Sayer gar nicht vor, seine Recherchen in Buchform zu veröffentlichen. Seine Motivation gehorchte allein dem Abenteuergeist, der spannenden Jagd und dem Wunsch, die ganze Wahrheit über eine Episode in Erfahrung zu
bringen, die mit ihren Drogengeschäften, Korruption und Mord und einer Atmosphäre, die an den Roman Der dritte Mann erinnerte, alle Elemente aus Fiktion und
modernem Mythos zu enthalten schien. Aber angesichts der wachsenden Berge an
Archivunterlagen, Interviewtranskripten, investigativen und Kriegsgerichtsprotokollen sowie Briefwechseln mit Augenzeugen, die irgendwann 120 Meter Regalfläche bedeckten und mehr als hundert Stunden Aufnahmezeit erreicht hatten, wurde
offensichtlich, dass sie historisches Material enthielten, das für ein breiteres Publikum von Interesse war, und dass dieses idealerweise in Buchform präsentiert werden
sollte.

Allmählich wurde das Material entlang eines groben narrativen Leitfadens sortiert. Die ersten Bemühungen, daraus ein Buch zu machen, erwiesen sich jedoch
als fruchtlos. Eines Sommers machte Ian Sayer in Agathas Hafentaverne in Nissaki,
einem kleinen Dorf an der eher abgelegenen Nordostküste Korfus, dann Bekanntschaft mit Douglas Botting, dessen frühere Bemühungen, das Reichsbankgeheimnis
zu lüften, er kannte, und so kam es zur Zusammenarbeit für das vorliegende Buch.
Die Recherchen dauerten acht Jahre. Die Entstehung des Buchmanuskripts – eine
ziemlich komplexe, aufwändige und anspruchsvolle Aufgabe – sollte zwei weitere
Jahre dauern. Zwar kann das daraus entstandene Werk berechtigterweise für sich in
Anspruch nehmen, die bisher vollständigste und wahrheitsgetreueste Untersuchung
dieser bemerkenswerten Affäre zu sein, aber es ist nicht erschöpfend.
Die Geschichte des Rätsels um das verschollene Gold der Reichsbank bleibt in
Teilen ein Rätsel. Niemand wurde der Komplizenschaft bei diesem Raub angeklagt
und nur wenige haben freiwillig ihre Beteiligung gestanden. Die Beweise bleiben lückenhaft. Ein Teil des Archivmaterials wurde vernichtet, anderes war extrem schwer
aufzufinden und wieder anderes durfte aufgrund von Verleumdungsgesetzen nicht
gedruckt werden.

Die Recherchen, die diesem Buch zugrunde liegen, hatten als Versuch begonnen, die Wahrheit über den größten Raub der Welt aufzudecken. Die Autoren hatten sich nie vorgestellt, dass sie schließlich eine Geschichte der Korruption enthüllen würden, die während der amerikanischen Besatzung Deutschlands stattgefunden
hatte und vom Europäischen Kommando der Vereinigten Staaten (EUCOM) in
Berlin und dem Heeresamt in Washington bewusst vertuscht worden war. Es war
nie ihr Ziel, die amerikanische Militärregierung anzuprangern, die Deutschland
nach dem Krieg regierte. Beide Autoren sind sich des gewaltigen Beitrags bewusst,
den die amerikanische Regierung und die amerikanische Bevölkerung zur Kapitulation des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg und der Rettung Westeuropas
in den anschließenden Nachkriegsjahren geleistet haben. Sie wissen auch um die
aufrichtigen, intensiven Bemühungen unzähliger Amerikaner, die für die Militärregierung arbeiteten, um in den Trümmern und Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit in der amerikanischen Besatzungszone Ordnung, Anstand und Hoffnung
wiederherzustellen.

Die Belege, die im Rahmen der Nachforschungen auftauchten,
offenbaren jedoch, dass mit der amerikanischen Besatzung einiges im Argen lag und
ein Teil des Personals der amerikanischen Militärregierung ein Maß an Korruption
aufwies, das eng im Zusammenhang mit der Geschichte des Nazigolds stand und
kaum zu übersehen war. Einige amerikanische Leser dieses Buches mögen daher das
Gefühl haben, dieses Buch sei antiamerikanisch im Ton. Die Autoren halten das für
unzutreffend. Dieses Buch ist nichts weiter als der Versuch, die Wahrheit so klar zu
präsentieren, wie es das komplexe und oft undurchsichtige Rohmaterial erlaubt,
und dabei ein neues Licht auf wenig bekannte Nebenschauplätze der modernen Geschichte zu werfen.

Von der Konzeption bis zur Publikation hat Nazigold insgesamt zehn Jahre in
Anspruch genommen. Dass es je vollendet wurde, ist zu einem großen Teil der Unterstützung zahlreicher Personen zu verdanken, deren Namen in der Danksagung
aufgeführt und deren Beiträge dort dankbar anerkannt werden. Unser ganz besonderer Dank geht an Mary Sayer für ihren unermüdlichen Ansporn und ihre aktive
Unterstützung des Projekts in allen seinen Phasen; an Melanie Bryan, die dafür sorgte, dass die komplexe Masse an Recherchematerial nicht in Chaos und Anarchie ausartete und viele Tausend Seiten Rechercheaufzeichnungen und Manuskriptentwürfe tippte; an Gail Lynch und Pamela Shaw, die sich so geduldig und so erfolgreich durch die Archive von Washington arbeiteten; an Alastair Brett von den
Sunday Times, der in guten und in schlechten Zeiten an das Buch glaubte und eine
unerschöpfliche Quelle der Kraft war; an Antony Terry, der das große Gewicht seiner Erfahrung und seines Fachwissens als ehemaliger Korrespondent der Sunday
Times in Deutschland zur Verfügung stellte und für das Projekt in Europa Interviews und Recherchen durchführte; an Andrew Thompson, dem Korrespondenten
der Sunday Times in Buenos Aires, der trotz des widrigen Arbeitsklimas als Folge des
Falklandkriegs couragiert an seiner schwierigen und heiklen Frage- und Recherchelinie festhielt; und an Katy und Anna Botting für das Aufspüren der Goldlöcher des
Walchenseeschatzes sowie für ihren Enthusiasmus und ihren unermüdlichen Zuspruch in schwierigen Phasen.


Seit Fertigstellung des Buches im Jahr 1983 hat es im Zusammenhang mit dem
Nazigold zahlreiche neue Enthüllungen gegeben. Diese überarbeitete und aktualisierte Auflage enthält alle wichtigen Entwicklungen, die seitdem stattgefunden haben – einschließlich der fortdauernden Verschwörung der US-Regierung mit dem
Ziel, die Wahrheit über das Verschwinden großer Teile des Nazischatzes aus der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone in Deutschland zu verheimlichen.

Der Reichsbankraub war kein einmaliger Raubüberfall, der von einem einzigen führenden Kopf ausgeheckt wurde, sondern eine Serie unabhängiger Ereignisse, in deren Verlauf zwischen Mai 1945 und März 1947 unterschiedliche Mengen an Gold
und Währungsreserven der Reichsbank gestohlen wurden.

Der Leser stellt sich den Reichsbankschatz am besten als einen toten Wal vor, der von Haien angegriffen wird – großen Haie und kleinen Haien, die jeder für sich unterschiedlich große
Fleischstücke aus dem Wal reißen. Zwar stürzen sie sich alle gleichzeitig auf denselben Kadaver, dennoch handelt es sich um keinen gemeinsamen Angriff; jeder handelt auf eigene Faust und unabhängig von allen anderen.


Um dem Leser die Größenordnung der in diesem Buch erwähnten Summen
Gold und Währungsreserven verständlich zu machen, haben wir beide sowohl in ihrem Wert von 1945 als auch ihrem entsprechenden Wert des Jahres 2020 in Dollar
und Euro ausgedrückt, und zwar zum Stichtag 15. März 2020. Der Goldpreis lag
1945 bei 34,50 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) Gold; am 15. März 2020 lag er
bei 1484 Dollar/1332 Euro je Feinunze Gold. Um die Zahlen in dieser Geschichte
zu vereinfachen, wurde der Wert aller anderen Auslandswährungen in US-Dollar
zum Währungskurs von 1945 umgerechnet.

© des Titels »Nazi-Gold« (ISBN 978-3-95972-107-3)
2020 FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.m-vg-verlag.de

ÜBER DIE AUTOREN:

<p class="has-medium-font-size" value="<amp-fit-text layout="fixed-height" min-font-size="6" max-font-size="72" height="80"><strong>Ian Sayer</strong> (*1945) gilt als eine der herausragenden Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Forschung um das verschwundene Gold der Reichsbank und weltweit als angesehener Forscher zur Geschichte des Dritten Reichs. Nachdem er das Verschwinden zweier Nazi-Goldbarren nachgewiesen hatte, konnte er die US-Regierung davon überzeugen, eine internationale Suche zu starten. Diese Suche dauerte fast 20 Jahre und endete damit, dass Sayer die seltene Ehre zuteilwurde, den Goldbarren-Tresor der Bank of England zu besuchen, wo er mit dem Goldbarren in Händen fotografiert wurde, den er selbst aufgespürt hatte. <br>Sayer ist Kurator des gleichnamigen Ian Sayer Archive, das über eine Sammlung von mehr als 100 000 Büchern, Briefen und amtlichen Dokumenten zum Zweiten Weltkrieg verfügt.Ian Sayer (*1945) gilt als eine der herausragenden Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Forschung um das verschwundene Gold der Reichsbank und weltweit als angesehener Forscher zur Geschichte des Dritten Reichs. Nachdem er das Verschwinden zweier Nazi-Goldbarren nachgewiesen hatte, konnte er die US-Regierung davon überzeugen, eine internationale Suche zu starten. Diese Suche dauerte fast 20 Jahre und endete damit, dass Sayer die seltene Ehre zuteilwurde, den Goldbarren-Tresor der Bank of England zu besuchen, wo er mit dem Goldbarren in Händen fotografiert wurde, den er selbst aufgespürt hatte.
Sayer ist Kurator des gleichnamigen Ian Sayer Archive, das über eine Sammlung von mehr als 100 000 Büchern, Briefen und amtlichen Dokumenten zum Zweiten Weltkrieg verfügt.

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